Es ist ein schöner Septembermorgen, draussen bimmeln die Kuhglocken und die wärmenden Sonnenstrahlen fallen in die Stube der Familie Aschwanden. Auf dem grossen Esstisch steht ein Käseplättli und eine Karaffe Apfelmost. Hans und Heidi Aschwanden und ihre Tochter Selina Aschwanden mit Ehemann Sämi Raschle sitzen am grossen Tisch – es wird diskutiert und gelacht. Im Zentrum der Gespräche steht der kürzlich erfolgte Generationenwechsel bei der Bergkäserei Aschwanden.
Anfang 2022 haben Selina Aschwanden und Sämi Raschle die Betriebsführung der Bergkäserei Aschwanden übernommen. Gemeinsam mit Hans und Heidi Aschwanden blicken sie zurück auf das vergangene Jahr und geben einen Einblick in die Zukunftspläne. Ganz ungezwungen und spontan plaudern sie aus dem Nähkästchen.
Der Rückblick
Anfangs 2022 hat die nächste Generation die Betriebsführung der Bergkäserei Aschwanden übernommen. Welches Ereignis der letzten 8 Monaten bleibt euch in besonderer Erinnerung?
Sämi: Was mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, liegt etwas mehr als acht Monate zurück. Es ist jener Moment, als wir letztes Jahr im September gemeinsam auf dem Jochpass waren. Selina und ich haben gegenüber Hans und Heidi unser Bedürfnis geäussert, dass wir die volle Verantwortung für den Käserei-Betrieb übernehmen und die damit verbundenen Konsequenzen tragen wollen. Daraufhin haben Hans und Heidi geantwortet: «Wir stehen euch da nicht im Weg»!
Hans: Für mich war damals an besagtem Anlass auf dem Jochpass überraschend, dass Selina und Sämi den Betrieb zu 100 % übernehmen wollten. Das fand ich super. Wir sind eine Aktiengesellschaft, daher wäre von der Finanzierung her, auch eine andere Verteilung möglich gewesen. Sie hätten beispielsweise 51 % der Anteile übernehmen und 49 % des Betriebs hätten unsere anderen Kinder übernehmen können. Aber so ist es auch gut, dann mischt sich niemand ein.
Als Selina und Sämi den Wunsch äusserten den Betrieb zu übernehmen, bat ich sie, sich noch Gedanken über ihren Zivilstand zu machen. Einfach so als Zufallsbekanntschaft einen Betrieb zu übernehmen, akzeptiere ich nicht. (Hans schmunzelt!)
Daraufhin sagte Sämi, sie werden die zivilrechtliche Basis schon noch sichern. Das haben sie dann am 4. Februar 2022 mit ihrer Heirat nachgeholt. Damit ist auch eine gewisse Verbindlichkeit vorhanden.
Selina: Für uns war es sehr wichtig gegenüber den Mitarbeitenden und Kunden zu signalisieren, dass die Übernahme eine langfristige Planung ist und nicht in ein paar Jahren ein anderer Freund oder Käser kommt, der dann das Sagen hat.
Was hat sich für euch seit der Übernahme oder Übergabe verändert?
Sämi: Früher hatte ich immer eine genaue Vorstellung davon, wie etwas gemacht werden muss. Ich hatte immer schon eine Lösung vor Augen, wie etwas umgesetzt oder realisiert werden sollte. Jetzt merke ich, dass es oftmals nicht ganz so einfach ist, da weitere Aspekte berücksichtigt werden müssen und die Lösung nicht immer auf der Hand liegt. Ich hintersinne mich mehr als vorher.
Selina: Durch die neuen Aufgaben, kommt auch mehr Verantwortung dazu, die es zu tragen gilt. Vorher waren Mami oder Pa (Anmerkung der Redaktion: Damit ist Papa Hans gemeint.) in der Verantwortung. Das war schon anders. Jetzt müssen Sämi und ich uns gegenseitig überzeugen. Manchmal werden wir uns auch nicht einig und man muss lernen für die eigenen Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen.
Heidi: Es gibt Leute, die sagen: «Die können sich jetzt in ein gemachtes Nest setzen». Ich denke das ist nie der Fall. Man kann sich nicht einfach reinsetzen und denken, jetzt läuft der Betrieb einfach weiter.
Hans: Genau, es gibt jeden Tag neue Herausforderungen, die gemeistert werden müssen.
Selina: Es war sicher gut, dass wir einen Betrieb übernehmen konnten, der gut lief. Wir haben Abnehmer für unsere Produkte, daher mussten wir nicht umgehend Massnahmen umsetzen, um den Betrieb auf einen grünen Zweig zu bringen.
Heidi: Schlussendlich steht oder fällt so ein Betrieb immer mit der Betriebsführung und wie diese von den Geschäftspartnern akzeptiert werden.
Selina: Für uns ist es wichtig, dass wir unseren eigenen Fussabdruck in den Betrieb bringen können. Wir wollen es nicht einfach so weiterlaufen lassen, wie es jetzt schon 10 oder 20 Jahre gelaufen ist. Wir müssen uns überlegen, was wir in den Betrieb reinbringen wollen, damit es auch nach uns noch weitergeht.
Sämi: Zurück zur Frage: Was hat sich zum Beispiel für dich Selina am meisten verändert?
Selina: Vor allem die Aufgabengebiete. Ich habe jetzt vollkommen andere Aufgaben als vorher. Bisher war ich mehr in der Produktion tätig und habe selbst Käse hergestellt, war im Käsekeller und habe zu den Schweinen geschaut. Jetzt ging es darum die Aufgabengebiete, die Pa verantwortet hatte, aufzuteilen. Er hatte alles gemacht: Produktion und Vermarktung. Wir können die Aufgaben nun auf zwei Personen verteilen. Sämi ist der Innenminister. Das heisst, er macht alles was innerhalb der Käserei ist und den Mitarbeitenden sowie den Einkauf und die Zusammenarbeit mit den Bauern. Ich bin eher die Aussenministerin, die alles verantwortet, was ausserhalb der Käserei läuft: wie den Käseverkauf und die Vermarktung und die Betreuung der grösseren Kunden. Die Gesamtorganisation machen wir gemeinsam. Das ist das Grobkonstrukt, welches wir vorerst mal bestimmt haben, aber laufend angepasst wird. Wir prüfen jeweils, ob die Aufgaben auch den Stärken des jeweiligen entsprechen und der Person auch Freude bereiten oder eben nicht.
Heidi: Bei Hans und mir war die Rollenverteilung etwas klarer. Hans war der Aussenminister und hat die Bergkäserei gegen Aussen vertreten. Ich habe mich bewusst im Hintergrund gehalten, da ich nicht gerne im Vordergrund stehe. Ich war aber immer für die Verpackung zuständig und habe oft den Laden übernommen. Wir hatten zudem auch immer alle Mitarbeitenden zum Mittagessen am Tisch. Manchmal waren 10 bis 12 Personen zum Essen da und ich habe für alle gekocht.
Hans: Das Operative war klar bei mir. Das war mir auch nicht immer so wohl. Hätte es mich von einem auf den anderen Tag aus den Socken gehauen, wäre das nicht so optimal gewesen. Das versuchen wir jetzt auf zwei Personen zu verteilen.
Hans, du hattest damals die Bergkäserei Aschwanden in der 3. Generation übernommen. Jetzt ist die 4. Generation am Ruder. Wie wichtig war es für dich den Betrieb innerhalb der Familie weiterzugeben?
Hans: Das hat für mich eigentlich keine Rolle gespielt. Es war mir nicht wichtig, dass der Betrieb unbedingt von einem oder einer «Aschwanden» weitergeführt wird. Also ich finde es natürlich super, dass es eine interne Lösung wurde. Für mich war immer wichtig, dass der Betrieb genug attraktiv ist, um das Geschäft der nächsten Generation oder einer respektive einem zukünftigen Käuferin oder Käufer eine Perspektive bietet. Wenn das nicht der Fall ist, kannst du es vergessen, eine Nachfolge zu finden.
Was war für euch, Sämi und Selina, der entscheidende Punkt, dass ihr euch für die Betriebsübernahme entschieden oder sie sogar eingefordert habt?
Selina: Von meiner Seite her hatte ich eigentlich nie den Druck verspürt, dass ich jetzt in diesem Moment den Betrieb übernehmen möchte. Ich wusste, dass wir den Käsereibetrieb zu Hause haben und meine Eltern noch relativ jung sind. Sie hätten noch gut 10 Jahre Zeit, in denen sie den Betrieb selber weiterführen könnten. Sämis Ziel war es jedoch immer einen eigenen Betrieb zu führen und selbständig zu sein. Er wollte nicht jemand, der ihm sagt, was er zu tun hat. Daher war eher er der Auslöser. Ich habe ihm im April 2021 gesagt, er soll doch mal nach Seelisberg gehen und in unserem Betrieb arbeiten, damit er einen Einblick hat, wie die Käserei aufgebaut ist. Von Aussen her ist es halt schwer zu beurteilen, wie ein Unternehmen läuft. Als er dann in der Käserei gearbeitet hatte, gab es viele Punkte, die er anders gemacht hätte. Er wollte 1‘000 Sachen ändern. Daraufhin haben wir entschieden, dass wir die Käserei selber führen müssen, damit sie sich so entwickelt, wie wir es uns vorstellen.
Alle lachen.
Sämi: Ich sehe das etwas anders. (Erneutes Gelächter). Für mich war klar: Ich will selbständig und nicht angestellt sein. Ich hätte ja auch irgendwo in der Ostschweiz (Anmerkung der Redaktion: Sämi kommt ursprünglich aus dem Appenzell Ausserrhoden) diesen Traum verwirklichen können. Aber wir waren uns einig, dass wir eine Familie gründen möchten und unsere Partnerschaft etwas Langfristiges ist. Selina hat gesagt, es sei doch schön in Seelisberg. Hier können unsere Kinder aufwachsen und eigentlich haben wir ja alles, warum sollen wir das nicht nehmen. Ich wollte aber eigentlich selbst etwas aufbauen und nicht in ein gemachtes Nest sitzen.
Selina: Du hattest mehr Angst davor, dass von Aussen gesagt wird: «Er hatte jetzt quasi Glück, dass er eine Freundin mit Käserei hat. Er musste ja nichts dafür machen».
Sämi: Manche sagen auch: «Da hast du einen guten Deal gemacht!»
Selina: Es ist vielleicht auch etwas atypischer, dass ein Mann hierherkommt und den Betrieb übernimmt, der eigentlich von der Familie der Frau ist.
Heidi: In der Gesellschaft, in welcher wir uns bewegen, ist es vielleicht auch schon etwas ungewöhnlich, dass der Betrieb an eine Frau weitergegen wird. Es gibt sicher auch Leute die denken: «Die Aschwandens haben doch auch einen Buben.»
Während der Schwangerschaft von Selina ist mir aufgefallen, dass die Leute überrascht waren, wenn ich sagte, dass Selina nach der Schwangerschaft sicher 70 % weiterarbeiten und den Betrieb führen wird. Viele – besonders Frauen – waren daraufhin sehr überrascht und fragten: «Wer schaut dann zu diesem Kind?»
Alle lachen.
Heidi: Es ist nun mal so, dass von Natur aus, die Frauen die Kinder zur Welt bringen. Aber das heisst noch lange nicht, dass nur die Frauen auf die Kinder schauen können. An dieser Einstellung muss die Gesellschaft schon noch etwas arbeiten. Ich merke, dass viele erstaunt sind, wenn ich sage, dass Selina mit Sämi den Betrieb übernommen hat.
Selina und Sämi, wie war es für euch bereits in jungen Jahren die Verantwortung für einen Betrieb zu übernehmen? Hattet ihr Bedenken?
Selina: Ich glaube es hat mit dem Jung-sein zu tun, dass man das Gefühlt hat, dass eigentlich gar nichts schiefgehen kann. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob wir das überhaupt meistern können oder ob es zu gross für uns ist. Ich dachte viel eher: Wir wollen das, dann machen wir das auch. Irgendwie wird es dann schon gehen.

Heidi: Das sagst du ganz richtig. Mir ging es genauso mit 25 Jahren – als wir hier angefangen hatten. Gleichzeitig hatten wir noch das Haus gebaut und hatten ein paar Probleme mit der Bank. In diesem Alter sieht man da nicht so viele Probleme – man nimmt es viel lockerer. Ich denke das ist auch ein Grund, weshalb ich Freude habe, dass wir mit 50 Jahren den Betrieb weitergeben konnten, weil man einfach nicht mehr so offen ist für Veränderungen. Das ist nicht gut für ein Geschäft. Es sollte immer neue Inputs und Veränderungen geben. Allerspätestens wenn das nicht mehr der Fall ist. sollte man bereit sein, langsam zurückzufahren und das Zepter weiterzugeben.
Die Gegenwart
Hans und Heidi, wie sieht eure neue Rolle aus?
Hans: Ich habe mir mal aufgeschrieben, was ich so mache: Impulsgeber, Ideengeber, Berater und Unterstützer. Ich helfe auf jeden Fall auch wieder mehr im täglichen Geschäft mit – zum Beispiel in der Produktion. Vielleicht wieder etwas mehr als bisher, was völlig okay ist. Ich mache das nach wie vor sehr gerne. Ich bin noch Präsident von Fromarte, dem Dachverband der Schweizer Käsespezialisten. Das ist ungefähr ein 20 % Pensum – 1 Tag pro Woche.
Heidi und Selina insistieren: Mehr!
Alle lachen.
Hans: Ich bin voll motiviert Selina und Sämi zu helfen und ihre Ideen zu verwirklichen. Wir haben noch das Projekt mit der neuen Käserei und zurzeit stehen gerade ein paar grosse Herausforderungen bevor – z.B. bezüglich Kosten hinsichtlich der Energie-Geschichte. Das gibt ein paar Zehntausend Franken Mehrkosten, die man irgendwie reinholen muss. Da bin ich aber voll motiviert an einer Lösung mitzuarbeiten. Selina und Sämi haben super Ideen – die ich mir teilweise auch schon überlegt, aber nie realisiert hatte. Zum Beispiel, dass man versucht die Energie-Abhängigkeit massiv zu reduzieren.
Ausserdem haben wir das erste Mal seit ein paar Jahren wieder genügend Käse im Keller. Das heisst, wir können hoffentlich immer liefern. Unter Umständen haben wir sogar zu viel Käse, da wir ziemlich optimistisch Milch eingekauft haben. (Hans schaut neckisch zu Sämi). Hier bin ich aber voll motiviert mit Selina zu schauen, wie wir damit umgehen und was wir machen können. Ich sehe meine Rolle als Begleiter, damit sie ihre Ziele umsetzen können. Aktuell wird der Betrieb noch sehr stark mit mir identifiziert. Ich denke, wir müssen nun schauen, dass Selina und Sämi ihren eigenen Stempel aufdrücken können und sie nicht immer mit mir verglichen werden. Was ich auch nicht so cool fand, als ich früher stets mit meinem Vater verglichen wurde – zum Beispiel in den Verbänden. Selina wird nun auch häufig mit mir verglichen.
Heidi: Meine Rolle verändert sich nicht wahnsinnig stark. Ich war schon vorher im Hintergrund. Vor der Übergabe war ich aber noch Verpackung-Chefin und habe da alles organisiert. Durch die Übergabe habe ich da eine Entlastung erhalten. Trotzdem möchte ich gerne in der Verpackung weiterarbeiten. Ich koche zudem weiterhin für alle, denn wir essen in der Regel zusammen. Was bei mir sicher noch dazukommt – und da freue ich mich auch sehr drauf –, ist, dass ich Zeit mit meiner Enkelin Aline verbringen und in die Grosi-Rolle schlüpfen darf.
Selina: Wir sind froh, dass mein Mami da ist. Sie weiss über alles Bescheid bei der Verpackung und das ist neben der Herstellung eines guten Käses eine der wichtigsten Funktionen. Die Verpackung stellt sicher, dass der Käse auch gut aussieht, wenn er beim Kunden ankommt.
Sämi: Und Heidi würde immer sagen, wenn etwas nicht gut ist.
Selina (ironisch): Ja, das ist manchmal auch das Nervige.
Alle lachen.
Selina: Es ist sehr wichtig, dass jemand in dieser Position ist, der den Käse wirklich genau anschaut und manchmal so genau, dass es für uns etwas nervig ist. Dafür können wir sicher gehen, dass das, was beim Kunden ankommt Top-Qualität hat und super aussieht. Das ist schlussendlich auch Teil des Erfolges: Dass Kunden wissen, wenn sie einen Käse bei uns bestellen, dann erhalten sie auch beste Qualität.
Sämi zu Heidi: Da leistest du schon einen wichtigen Beitrag.
Ändert sich etwas für den Kunden seit dem Generationenwechsel?
Alle sind sich einig: Nein!
Hans: Der Kunde sollte eigentlich nichts vom Generationenwechsel merken. Vielleicht merkt er, dass es andere Produkte gibt, aber sonst sollte er eigentlich nichts merken – ausser natürlich positive Entwicklungen.
Gibt es konkrete Pläne für die nähere Zukunft?
Selina: Wir haben verschiedene Pläne. Wäre ja schlecht, wenn uns jetzt schon die Pläne ausgegangen wären. (lacht!) Einerseits muss der Onlineshop überarbeitet und auf den neusten Stand gebracht werden. Vor zehn Jahren waren wir vielleicht noch unter den ersten, die Käse online verkauft haben. In Zwischenzeit gibt es viele andere Käsereien, die auch online ihre Produkte anbieten und jetzt müssen wir schauen, dass wir da weiterhin gut dabei bleiben. Da wir aber bisher oftmals nicht genügend Käse im Keller hatten, war es auch kein Thema viel in den Onlineshop zu investieren. Ich freue mich nun umso mehr, dass die Keller gefüllt sind und wir den Onlineshop mehr pushen können. Andererseits müssen wir überlegen, was wir mit dem Verkaufsladen machen. Der ist halt sehr personalaufwändig und -intensiv. Wir haben zwar bereits eine Selbstbedienung, aber es wäre denkbar, dass wir den ganzen Verkaufsladen als Raum zugänglich machen. Damit man dort selbständig einkaufen kann – ohne 1:1 Verkauf. Aber das sind Sachen, die wir noch weiter diskutieren müssen. Und dann natürlich noch die ganze Energie-Geschichte. Das ist aber mehr Sämis Business oder Anliegen.
Sämi: Konkret: Wir haben schon sehr, sehr viele Ideen. Wir sind mit viel Tatendrang gestartet und müssen nun vorerst mal priorisieren. Im Moment ist es sehr schwierig, da wir hinsichtlich der Energiethematik täglich eine neue Ausgangssituation haben. Wir leben in einer Zeit, die unsicher ist. Meine Devise wäre: Wer nicht investiert, verliert. Und trotzdem, weiss ich nicht genau, in was ich investieren soll. Was ist morgen noch gefragt? Was ist sinnvoll? Es ist eine gewisse Unsicherheit da, da muss ich ehrlich sein. Ich bin deutlich unsicherer als noch im Frühling. Krieg, Energiethematik, Inflation – man weiss nicht, was in einem Jahr ist. Es ist viel Unsicherheit da und das ist schlecht. Schlecht fürs Geschäft.
Hans: Es kommt noch dazu, dass ihr beispielsweise vermehrt auf Bio gesetzt habt. Im Frühling haben wir viel Biokäse hergestellt. Und jetzt haben sich die Bioabsätze verschlechtert. In Deutschland beispielsweise – gemäss dem Magazin Milchmarketing – gab es einen Rückschlag von 20–30 % bei Bioprodukten, je nach Segment. Das ist eine grosse Zäsur. Klar, die Deutschen sind da vielleicht etwas empfindlicher. Aber vielleicht funktioniert das mit dem Biokäse auch nicht ganz so, wie es sollte. Ich weiss es nicht. Wir hoffen es natürlich nicht. Dank eines neuen Bio-Milchlieferantes wären die Voraussetzungen jetzt da, um mehr Biokäse zu produzieren. Aber jetzt ist vielleicht die Nachfrage nicht da. Das gemachte Nest – was einige das Gefühl haben –, das gibt es gar nicht.
Selina zu Hans: Wir können zwar auf deine Erfahrung zählen, aber das Umfeld hat sich jetzt gerade so verändert in diesem Jahr. So dass wir auch nicht mehr sagen können: «Aus der Erfahrung funktioniert dies oder jenes!»
Sämi: Aber Hans bringt eine gewisse Ruhe oder Coolness mit rein. Das hilft.
Selina: Wir treffen zwar die Entscheidungen, aber wenn wir merken, dass es uns über den Kopf wächst, ist Pa da und greift uns unter die Arme und bringt Ideen für die Lösungsfindung. Das ist vor allem die Erfahrung, die wichtig ist. Das gibt eine gewisse Sicherheit. Aber auch sein Vertrauen in uns ist wichtig.
Die Nachfolgeregelung
Hans, das Thema Nachfolgeregelung ist ein schwieriges, emotionales Thema. Was ist dein Tipp an Unternehmer und Unternehmerinnen, die sich mit dem Thema Nachfolgeregelung auseinandersetzen?
Hans: Ich weiss nicht, ob ich jetzt befugt bin, Tipps zu geben. Ich orientiere mich an meinem 3 x 15 Jahresplan. Von 20 bis 35 Jahren haben wir investiert wie die Sau und fast etwas übertrieben. Vielleicht auch etwas im jugendlichen Leichtsinn. Dann ab 35 bis 50 Jahren konsolidieren und dann ab 50 bis 65 Jahren kommt die Nachfolgeregelung. Mein Vater war damals 53 Jahre alt, als er mir den Betrieb übergeben hat. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Selina ist zwar Milchtechnologin, aber wir hatten vorher nie darüber gesprochen, dass sie den Betrieb mal übernimmt. Mit 53 Jahren hätte ich das dann mal angesprochen, weil ich gewusst habe, dass in den nächsten 15 Jahren etwas gehen muss. Jetzt haben wir sogar früher eine Lösung, das ist auch super. Und der Tipp: Man kann es nicht genügend früh angehen. Deshalb haben wir 2019 auch die Aktiengesellschaft gegründet.
Selina ergänzt: Ja, frühzeitig anfangen und offen sein für verschiedene Wege.
Hans: Eine Nachfolgeregelung zeigt natürlich die eigene Vergänglichkeit auf und das ist nicht immer nur lustig. Oftmals fühlt man sich relativ wichtig, schlau, gescheit und unersetzlich und die Nachfolgeregelung stellt das eigene Ich in Frage. Daher ist die Nachfolgeregelung auch ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Da kann man schon Tipps geben, aber wenn jemand nicht bereit ist loszulassen und das Gefühl hat, er ist Harry Hirsch, dann wird es schwierig. Und wir haben ganz viele solche Beispiele, die das nicht können und dann alles «dä Bach ab gahd».
Ich war mal an einer Veranstaltung und da hat der Pfarrer von Altdorf gesagt: «Mit 60 Jahren merkst du, dass du älter wirst. Mit 65 Jahren merken es die anderen auch. Mit 70 Jahren merken es nur noch die anderen». Quasi: Wenn du mit 70 Jahren den Betrieb noch nicht übergeben hast, dann machst du es nicht mehr. Und es gibt so viele alte Männer, die nicht abgeben können, die das Gefühl haben, dass sie unersetzlich sind. Da muss man nur mal nach Bern ins Parlament schauen.
Hans, du hast ja auch bereits zu Beginn des Gespräches einen guten Tipp geliefert und zwar, dass es für die Nachfolgelösung essentiell ist, dass man einen gesunden und funktionierenden Betrieb hat, den man weitergeben kann.
Hans: Eine Nachfolgeregelung gibt es nicht, wenn du einen Betrieb hast, der keine Perspektive bietet. Man muss am Betrieb arbeiten können, aber es muss attraktiv sein. Sonst kann man es vergessen. Von daher haben wir gut gearbeitet. Wir hatten gute Zahlen. Das ist im Zusammenhang mit der Unternehmensverwertung natürlich ein Nachteil, da so der Preis für Selina und Sämi nach oben steigt.
Selina und Sämi, welche Empfehlung habt ihr für Nachfolger und Nachfolgerinnen?
Selina: Es ist wichtig, ein gesundes Umfeld zu haben und Leute, die einem unterstützen. Auch Leute, die nicht vom Fach sind, die einem zum Beispiel emotional unterstützen und an einem glauben. Und auch sich selbst bewusst sein, dass man das schaffen kann. Ausserdem sollte man auch offen dem Gegenüber sein, dass man Defizite hat und den Mut haben Fehler zu machen. Jedoch sollte man auch aus den Fehlern lernen wollen und nicht gleich nach dem ersten Absturz den Bettel hinschmeissen, alles verfluchen und aufhören. Man sollte ein Ziel haben und den Glauben an sich selbst. Ich glaube auch, dass es viele Aufgaben gibt im Betrieb, denen ich noch nicht gewachsen bin. Wo mir beispielsweise das fachliche Know-how oder die Erfahrung fehlt. Aber ich weiss zum Beispiel, dass Sämi Stärken hat, wo ich Schwächen habe. Das Vertrauen in sich selbst ist sehr wichtig.
Heidi: Es braucht sicher einen gewissen Mut.
Lieber Hans, liebe Heidi: Ihr habt vorhin bereits viele Aufgaben aufgezählt, die ihr auch noch in Zukunft in und um den Betrieb haben werden. Habt ihr vielleicht trotzdem etwas neue Zeit zu eurer Verfügung dazugewonnen und was macht ihr damit?
Hans: Also bisher habe ich noch nicht das Gefühl, dass wir viel mehr Zeit haben. Wir sind jetzt aber erst grad aus den Ferien zurückgekommen und wenn wir wegfahren, ist es ist schon voll easy. Dann denke ich eigentlich nie an Zuhause, weil ich volles Vertrauen habe, dass sie es im Griff haben.
Heidi: Ich denke einfach, dass wir bereits seit x Jahren einen guten Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit gefunden haben. Wir haben damit früh angefangen – bereits als die Kinder noch klein waren. Wir haben uns einen gewissen Freiraum geschaffen und uns auch die Zeit als Paar genommen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich zwingend mehr Zeit für mich brauche. Ich konnte mir das immer einrichten.
Hans: Wir gingen schon vorher immer 5 Wochen im Jahr in die Ferien. Vor 13 Jahren beispielsweise waren wir für 3,5 Wochen in Island mit den Kiddies.
Selina: Am Anfang als wir klein waren, war aber auch noch Gropa (Anmerkung der Redaktion: Damit ist Grossvater Hans gemeint) da, der zum Betrieb schauen konnte. Es gab schon eine Zeit, in der ihr weniger gerne in die Ferien gegangen seid, weil im Betrieb dann vielleicht nicht immer alles reibungslos lief.
Hans: Ich merke jetzt einfach, dass ich etwas weniger Verantwortung habe. Viel weniger Mails, weniger operativer Alltagssumpf.
Heidi: Das ist natürlich schon eine massive Entlastung. Schon nur, dass ich weiss, dass ich nicht mehr für die Packerei zuständig bin, entlastet mich. Ich habe meine Arbeit und nach Feierabend ist es für mich abgeschlossen.
Der Ausblick
Was wünscht ihr euch für die Zukunft, Selina und Sämi?
Selina: Unser Ziel ist es nach wie vor, dass wir einen guten Käse machen und er gut bei den Leuten ankommt. Wir möchten eine gewisse Vielfältigkeit reinbringen und das Sortiment erweitern. Nicht, dass wir zukünftig Joghurt und Quark herstellen wollen – halbharte Mutschli ist und bleibt die Kernkompetenz, die wir haben.
Ich wünsche mir, dass wir eine gute Balance zwischen Familie und Betrieb finden. Ich möchte auch, dass wir nach wie vor für die Mitarbeitenden ein guter Arbeitgeber sein können. Für jene Mitarbeitende, die schon da sind und für solche die neu dazukommen.
Sämi: Wünschen kann man immer. Aber ich bin der Meinung wir müssen nicht «wünschen», wir müssen «machen». (lacht!)
Für mich wäre schön, wenn das was wir machen bestätigt wird: Durch wirtschaftlichen Erfolg oder auch dadurch, dass die Mitarbeitenden Freude haben in unserer Käserei zu arbeiten.
Zum Abschluss: Hans und Heidi, was wünscht ihr den jungen Füchsen?
Hans: Ich wünsche mir, dass sie den Betrieb erfolgreich weiterführen. Erfolgreich heisst für mich nicht nur, dass sie zufriedene Mitarbeitenden, Lieferanten und Kunden haben, sondern auch dass das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist, dass man wieder investieren kann. Und dass ihr eure Ziele – vor allem die Energiegeschichte, die ich besonders interessant finde – erreichen könnt. Damit wir dem Elektrizitätswerk einmal einen Brief schreiben können, uns für die langjährige Zusammenarbeit bedanken und mit den Worten «wir brauchen jetzt leider keinen Strom mehr von euch, wir produzieren selber» verabschieden können. Das wäre wahnsinnig toll.
Nun geben wir Heidi das letzte Wort.
Hans schmunzelnd: Heidi hat immer das letzte Wort.
Heidi: Wir sind schon ein Matriarchat, ja. (Heidi lacht). Man merkt es manchmal einfach nicht so.
Mir ist vor allem wichtig, dass der Betrieb läuft und es sich für die beiden rentiert. Aber das Wichtigste für mich ist, dass ihr weiterhin Zufriedenheit verspürt, in dem was ihr macht. Und dass ihr Freude daran habt. Ich hoffe, dass euch dies die nächsten Jahre erhalten bleibt. Nicht, dass ihr die Freude und Zufriedenheit durch Stress oder Krisen verliert.
Das ist ein schönes Abschlusswort. Wir wünschen Selina und Sämi alles Gute für die Zukunft!
Möchten Sie die Geschichte von Selina und Sämi als neue Geschäftsführer der Bergkäserei weiterverfolgen, dann sollten Sie schleunigst unseren Newsletter abonnieren. Bis zum nächsten Einblick in und um die Bergkäserei Aschanden können Sie sich die Zeit mit einem guten Stück Käse vertreiben. Wir empfehlen dafür unsere Auswahl an Bergkäsen in unserem virtuellen Käsereilädeli.
«En Guete und uf wyderluege»
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