Wenn der Bergbauer sagt: «Es ist zu trocken», kann das vieles heissen. Ein Blick hinter die Kulissen unserer Milchtour und aus dem Käsekeller.

Futtermangel auf der Alp: Warum die Bergwiesen schaden nehmen


Als der Älpler aus dem Gitschental letzthin vor der Käserei die Milch anlieferte, fragte ich ihn in meinem herzhaftesten Appenzellerdeutsch:  «Und, wie goht’s?» 
Ich wusste: Bis sein Tankanhänger leer ist, ergibt sich Gelegenheit für einen Schwatz. Er ist einer jener Sorte, die immer etwas zu erzählen wissen. Begleitet wird das Gespräch von der Milchpumpe aus der Käserei und dem Knistern des sich abkühlenden Motors seines Geländewagens, der auf dem Weg hinunter von der Alp und hoch nach Seelisberg ordentlich ins Schnaufen gekommen ist.
«Äs isch z trochä!», antwortete er und führte aus: «Also, Wasser für die Tiere haben wir genug. Aber: Das Gras ist nicht mehr dicht, es wächst zögerlich, nicht in der gewohnten Geschwindigkeit.»
Der häufige wiederkehrende Niederschlag fehle. Damit meinte er wohl die regnerischen, nasskalten Perioden, die mal auch ein paar Tage andauern können und bei uns gemeinhin als «schlechtes, verhangenes Wetter» bekannt sind.
«Nur mit einem kräftigen Regenereignis alle zwei Wochen und ansonsten eitlem Sonnenschein ist es nicht getan, es braucht auch das Dazwischen. Ein kurzer Regenschauer, tiefhängende Wolken, Nebel, all das ist besonders wichtig für genügend Gras». ergänzte er.
«Und wenn diese «Schlechtwetter»-Tage ausbleiben?» fragte ich.
«Die Kühe würden die Weiden schneller abweiden und sie müssten zusätzlich gefüttert werden mit dem Heu, das in der Höhe geerntet worden ist. Das ist eigentlich für den Herbst und frühe Schneeeinbrüche geplant, um den Alpabzug hinauszuzögern»
 Im Herbst werden die Tiere folglich früher in die Dörfer und Täler runtergetrieben.


Wenn Alpen im Sommer wegen Wasserknappheit

nicht melken können


Tags darauf erledigte ich die Milchsammeltour, die über die Klewenalp, Beckenrieder-Berge und zurück nach Seelisberg führt. Mit Blick auf die Weiden, Planggen und Matten, dachte ich mir: Das Gras ist doch grün, es scheint zu wachsen, in den Mulden glitzerte der morgendliche Tau. Wir hatten diesen Sommer wiederholt einige Niederschläge, wenn auch nicht so häufig und ausreichend, wie wir es gewohnt sind. 
Wenig ist besser als nichts, sagt sich ein Pragmatiker, als solcher ich mich auch verstehe. Also alles gut? Ist der Ausdruck «Äs isch z trochä!» als Jammerei zu interpretieren?


Nach einer äusserst holprigen Strecke kam ich zu einer Alp, die von einer langjährigen Älplerin geführt wird. Auch sie sagte, genau wieder diesen Satz: «Äs isch z trochä!», kurz nachdem sie den laut knatternden Stromgenerator ausgeschaltet hatte, den sie zur Kühlung der Milch benötigt.
«Wie meinst du das, auch wegen dem Gras?», erkundigte ich mich.
Nicht unbedingt, entgegnete sie, nein, sie bräuchte das Wasser zum Melken. Ach so! Zum Waschen der Gerätschaften! Sie schüttelte den Kopf, verwarf die Hände und schaute mich schräg an. Sie erklärte mir, dass auf der Alp Wasser in grosser Höhe gefasst, gespeichert und durch ein Druckrohr über eine Turbine getrieben wird. Dadurch kann man eine Vakuumpumpe antreiben, die zum Melken benötigt wird. Ohne Wasser wird das also nichts mit Melken. 
Auf die Frage, ob noch genügend Wasser käme, kam umgehend ein kurzes, aber energisches «Ja!». Sie würde regelmässig hochsteigen, um zu kontrollieren, und es fliesse noch reichlich Wasser. Dann schob sie hinterher: «Aber andere haben zu wenig Wasser und die müssen das Wasser sogar hochziehen mit der Transportseilbahn, um ihr Vieh zu tränken.»


Perfekte Luftfeuchtigkeit im Käsekeller


Zuhause in der Käserei, ging ich weiter an die Arbeit. Ich brauche den Ausdruck «Es isch z troche!» auch, aber eigentlich nur im Käsekeller und er bedeutet, dass die Luft im Käselager mehr Feuchte benötigt.
Ich machte mich daran, die Käse zu pflegen. Dabei reibt man frisches Wasser auf die über Tage abgetrocknete Käseoberfläche. Das Wasser sorgt dafür, dass sich die Käseschmiere entwickeln kann und der Käse nicht austrocknet. 
Das stundenlange Käsepflegen gibt Zeit zur Reflexion.
Wenn ein Bergbauer sagt «Äs isch z trochä!», ist es wie bei der Frage «Wie goht’s?». Ein kurzes «Guät» erzählt nie die ganze Geschichte.
Erst wenn du innehältst und nachhakst, erfährst du, was die Menschen wirklich bewegt. Nicht immer nehmen wir uns die Zeit dafür – was sehr schade ist.
Überlege mal: Wie viele Missverständnisse konnten schon mit einem bewussten Nachfragen und vor allem Zuhören geklärt werden.
In meiner Rolle als Käser arbeite ich mit vielen verschiedenen Menschen zusammen – alle haben andere Bedürfnisse und stehen vor Herausforderungen. Ich kann nicht jedem Helfen und alle Probleme lösen, aber ich kann mir Zeit nehmen zuzuhören und damit meinem Gegenüber das Gefühl vermitteln gehört zu werden. Und genau das ist doch auch schon viel Wert – oder?

Es grüesst us de Bärgchäsi

Eurä Sämi